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Die wenigsten Menschen bleiben heute noch ihr Leben lang im Heimatort. Die Arbeitswelt erfordert Flexibilität, die große Liebe finden wir im Internet – nur lebt sie leider 800 Kilometer entfernt – und junge Menschen zieht es natürlich immer ins Unbekannte. Wer auf dem Dorf aufgewachsen ist, will endlich mal in die Großstadt, wer im Ballungsraum mit Verkehrslärm und Wohnraumknappheit ins Leben gestartet ist, träumt vom Landleben. Wir reisen also ständig durch die Weltgeschichte und manche gehen sogar als Rucksack-Blogger nach Asien oder ergattern ihren Traumjob in Neuseeland. Aber eines bleibt für alle gleich: Das Gefühl, zu Hause zu sein, kann man schmecken. Jeder von uns kennt und liebt ganz spezielle Gerichte, mit denen er aufgewachsen ist. Heimatliebe zergeht auf der Zunge und das auf der ganzen Welt. Aber wie kommt es, dass gutes Essen uns so glücklich macht, wenn es schmeckt wie bei Mutter?

Jede Region, ja sogar jede Familie hat ihre eigenen Rezepte, die eng mit dem Land und dem Leben der Menschen verwoben sind. Auswanderer nehmen ihre Rezepte immer mit – denn selbst, wenn exotische Speisen und neue Food-Trends uns immer neugierig machen, ist Essen doch ein wenig wie Reisen. Woanders ist es aufregend, neu und spannend, aber die Gerichte zu essen, mit denen wir groß geworden sind, ist eng an emotionale Erinnerungen gekoppelt, die einfach guttun. Denn etwas Gutes zu Essen zu bekommen, ist eine der ersten schönen Erfahrungen, die wir im Leben machen. Das Erinnerungsvermögen des Menschen ist eng mit den Sinnesorganen verknüpft. Jeder, der schon einmal auf der Straße flüchtig an das Parfüm der ersten, längst verflossenen Liebe erinnert wurde, kennt das Gefühl. Da ist irgendwo ein Duft und sofort schwelgen wir in Erinnerungen und können die Situation abrufen, in der wir den Duft zum ersten Mal wahrgenommen haben. Und gerade beim Essen wird dieses Erinnerungsvermögen noch verstärkt, denn Riechen und Schmecken gehören zusammen, wir können sie kaum voneinander trennen.

Frisch gemahlener Kaffee duftet nach Omas Geburtstagen, Waffelduft riecht nach fröhlichen Schulfesten und wenn wir ein Haus betreten, in dem es nach einer deftigen Kartoffelpfanne wie bei Mama riecht, wollen wir uns sofort an den Tisch setzen und nach der Gabel greifen. Es gibt diesen Satz »Du bist, was du isst!«, der natürlich viel darüber aussagt, dass wir selbst in der Hand haben, ob wir schlapp, blass und übergewichtig sind, oder ob wir fit und voller Energie durchs Leben hüpfen wie Gazellen. Und natürlich hat Ernährung sehr viel mit Gesundheit und Wohlbefinden zu tun. Was wir gern essen und was wir verschmähen, sagt aber noch viel mehr aus! Denn das Essen unserer Heimat prägt uns von klein auf und sagt uns ähnlich wie ein Dialekt, wo wir herkommen und wer wir sind. Aber wie kommt es überhaupt, dass Geschmäcker und Gerüche uns so auf der Gefühlsebene berühren?

Heimatliebe geht durch den Magen – wieso Essen glücklich macht

Der Mensch hat sich ja nicht immer aus dem Supermarkt ernährt. Und glücklicherweise kehren auch immer mehr Menschen zu saisonaler und vor allem regionaler Ernährung zurück. Der Bezug zur Natur, zur Herkunft unserer Nahrung und zu der Region, in der wir leben, ist durch die Globalisierung ein wenig verloren gegangen. Es ist zwar toll, dass wir das ganze Jahr über Bananen und Kiwis essen können, aber wachsen Bananen im Odenwald? Der »globalen« Ernährung fehlt die Ursprünglichkeit, die nach Wurzeln schmeckt. Und zwar nicht nur nach heimischem Wurzelgemüse, sondern tatsächlich nach den Wurzeln in unserer Kultur. Denn Essen hat sehr viel mit Kultur und damit auch mit Genuss zu tun.

Viele Jahrtausende lang war es vollkommen normal, sich von dem zu ernähren, was in der Umgebung wächst. Erfindungen der Moderne wie Mindesthaltbarkeitsdaten oder Nährwertangaben sind in der Geschichte der Menschheit aber erst einen Wimpernschlag her. Heute nehmen wir solche aufgedruckten »Daten« ernst wie im Mittelalter die Religion. Es soll Menschen geben, die räumen den Kühlschrank auf und werfen einen Joghurt weg, weil er seit zwei Tagen abgelaufen ist, ohne ihn zu probieren. Früher hatten wir diese Sicherheiten nicht. Die Menschen mussten sich auf ihren Geschmackssinn und auf ihre Nase verlassen, um herauszufinden, was genießbar ist und was nicht. Ursprünglich haben wir als Menschheit unsere »Genießerkarriere« als Jäger und Sammler begonnen und mussten uns auf unseren Wanderungen durch die Wildnis immer wieder auf neue Nahrungsmittel einstellen. Nicht zu jedem Kraut und jeder Beere wussten die »Alten« mit ihrer Erfahrung etwas zu sagen, denn nicht in jeder Region gedeihen dieselben Pflanzen und auch der Wildbestand ist ja an die Pflanzenwelt angepasst. Also hieß es: Probieren geht über Studieren!

Das mit dem Studieren war schließlich in unserer Frühgeschichte auch noch nicht so einfach – eben schnell zu googeln, welche Frucht da an einem Baum hängt und was man damit machen kann, war ja nicht möglich. Also mussten unsere Sinne sich darauf ausrichten, Erfahrungen zu sammeln und zu bewahren. Neue Nahrungsmittel wurden vorsichtig in kleinen Mengen probiert und wem von einem giftigen Pilz oder einer ungenießbaren Beere schlecht wurde, der vergaß nie wieder, welcher Geruch und Geschmack ihm Übelkeit eingebracht hatte. Das Gedächtnis für Nahrungsmittel ist also eine im Menschen tief verankerte Lebensversicherung, die heute – trotz Packungsaufdrucken nach EU-Norm – noch funktioniert. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht auch nach Jahren noch sagen kann, wovon er zum ersten Mal zu viel getrunken hat. Meistens führt schon der Gedanke dazu, dass wir uns spontan schütteln!

Essen und Erinnerungen gehören zusammen

Dass Essen, Trinken, Riechen und Schmecken so tief in unser Gedächtnis sickern und sich dort mit Gefühlen verankern, hat aber nicht nur praktische Seiten, sondern auch sehr schöne. Denn oft sind Erinnerungen an Essen auch Erinnerungen an die schönsten Momente im Leben, an das Gefühl, zu Hause und geborgen zu sein. Interessanterweise sind unsere frühkindlichen Erinnerungen dabei oft am intensivsten. Der Geschmackssinn eines Säuglings ist noch tausendfach stärker ausgeprägt als der eines Erwachsenen – was natürlich erklärt, wieso viele Kinder Speisen mit einem intensiven Eigengeschmack ablehnen, während die Eltern sich glücklich die Hände reiben, wenn ein deftiger Käse auf den Tisch kommt. Dass der Geschmackssinn mit dem Alter abnimmt, erklärt auch, dass wir manchmal enttäuscht das Gesicht verziehen, weil ein Gericht, dass wir aus unserer Kindheit kennen und lange nicht probiert haben, einfach nicht mehr so schmeckt wie früher. Aber bei der Erinnerung an unser Lieblingsessen aus der Heimat ist zum Glück nicht nur an den Geschmackssinn gekoppelt, sondern auch an das gesamte »Drumherum«, mit dem wir diese Spezialitäten verbinden.

Auch in der Entwicklungspsychologie passieren spannende Dinge, wenn wir »essen lernen«. Wenn kleine Kinder anfangen, selbstständig mit der Familie am Tisch zu essen, fühlen sie sich groß – denn sie können tun, was die Großen tun. Aufrecht sitzen, mit Besteck umgehen, sich am Gespräch beteiligen, dabei sein und dazu gehören. Das ist ein tolles Gefühl für jeden Menschen, für die kleinen aber ganz besonders. Gemeinsam zu genießen, sich dabei vom Tag zu erzählen und zusammen zu lachen, vermittelt Geborgenheit und Zugehörigkeit. Und diese schönen Gefühle werden noch verstärkt durch die vielen kleinen Rituale die jede Familie hat. Bei den einen gibt es vielleicht ein ganz besonderes, traditionelles Geburtstagsgericht, bei anderen werden bestimmte Feste im Jahreskreislauf auch mit bestimmten Spezialitäten gefeiert. Für den einen schmeckt »Kartoffelbrambel« nach Geburtstag, für den anderen duften Markklößchen nach Heiligabend, weil Oma die immer in die Vorsuppe getan hat.

Der Odenwald und seine Spezialitäten

Jede Region bringt Spezialitäten hervor, die Geschichten über das Land erzählen und vieles über das Leben der Menschen verraten. Und die Odenwaldregion ist, man hört es ja schon am Namen, reich an Waldgebieten. Das Mittelgebirge, in dem der Süden Hessens, der Norden Badens und Unterfranken sich treffen, ist geprägt von Bergen, Seen, Wäldern und schummerigen Tälern, die zum Wandern und Radfahren einladen und wie in vielen Regionen Deutschlands war das Arbeitsleben hier auch oft hart. All das macht natürlich mächtig hungrig und so hat sich aus den regionalen Produkten eine umwerfend leckere, deftige Küche entwickelt, die mit köstlichen Rezepten aufwarten kann. Das Essen im Odenwald ist geprägt durch seine Natur. Wild ist in der bewaldeten Region natürlich ein ganz großes Thema, aber auch Schlachtfeste haben eine große Tradition. Wer es leichter mag, kann frische Forellen genießen und im Frühjahr steht in vielen Familien und bei bekannten Gastronomen Lamm auf dem Speiseplan.

Ein ganz besonderer Geheimtipp ist aber der Odenwälder Kochkäse, für den jede Familie ihr eigenes Rezept hat, obwohl die Zutaten sehr simpel und auch noch günstig sind. Und seltsamerweise schmecken solche »Geheimrezepte«, wenn man sie nachkocht, nie ganz so, wie wenn Oma persönlich den Kochlöffel geschwungen hat, aber was soll’s? Das ist schließlich auch für die Odenwälder, die längst in Frankfurt, Berlin oder Hamburg leben, immer wieder ein Grund, nach Hause zu fahren und sich verwöhnen zu lassen. Dazu noch ein deftiges Schweineschnitzel, knuspriges frisches Brot und ein Glas Apfelwein direkt aus der Region – einfach lecker!

Eine kulinarische Reise durch die verwunschene Region mit ihren tiefen Tälern und murmelnden Bächen lohnt sich aber natürlich auch für die Hamburger oder Berliner, die gebürtige Odenwälder immer über das leckere Essen schwärmen hören. Nicht nur Liebe geht ja durch den Magen, sondern auch Heimweh, und das kann manchmal auf für Ortsfremde richtig ansteckend sein. Viele Spitzenköche in der Region sind wahre Zauberer, wenn es darum geht, die traditionellen Gerichte zu verfeinern und mit regionalen Produkten immer neue Kreationen zu zaubern. Vegetarische Grünkernküchle, Wildschweinbraten, der auf der Zunge zergeht, leichte Weine oder auch himmlisches Gebäck wie ein Ottilienkuchen mit dem allgegenwärtigen Grünkern schmecken für Touristen dann eben nicht nach Heimatliebe, sondern nach Urlaub. Und so lange es lecker ist, fragt ja auch niemand, wer einheimisch ist und wer nicht!

Zurück zu den Wurzeln – regional Schlemmen!

Lange Zeit waren Burger und Tiefkühlpizza in ganz Deutschland das Nonplusultra der »Ernährung«. Supermärkte und Fastfood-Ketten im ganzen Land hatten den Anspruch, alle Menschen überall mit demselben Geschmackserlebnis zu versorgen. Aber mal ganz ehrlich, wie viel Geschmackserlebnis bieten Fertiggerichte? Das Bewusstsein der Menschen wandelt sich wieder, denn wo bleibt der Charme der Heimat, wenn wir alle dieselben Dosen aufmachen? Regionale Produkte sind immer geprägt vom Boden, vom Wetter, vom Klima der heimischen Region. Die Nordlichter lieben eben ihren Grünkohl mit »Pinkel« (da fragt sich jeder Odenwälder misstrauisch, was das wohl sein könnte), und die Spreewälder knabbern eben gern ihre Gurkenhappen. Odenwälder schätzen eben ganz andere Dinge, denn was in der Region wächst, hat auch die traditionellen Gerichte schon geprägt, bevor es Tiefkühltruhen und Schnellrestaurants überhaupt gab.

Regional und saisonal zu essen wird also wieder zu einem ganz besonderen Erlebnis, denn immer mehr Menschen wird bewusst, dass man Heimat wirklich schmecken kann. Auch Nachhaltigkeit und Umweltdenken werden natürlich immer wichtiger und was könnte da besser sein als Produkte von heimischen Erzeugern? Wer braucht schon ein argentinisches Rind oder Sushi, wenn es zu Hause so köstliche Spezialitäten gibt, die sich auch noch endlos variieren lassen? Kurze, umweltschonende Transportwege, jahreszeitliche Produkte und die tatkräftige Unterstützung der heimischen Erzeuger sind auch Wege, um seine Liebe zur Heimat auszudrücken! Und da sind viele Odenwälder ganz vorne dabei! Denn wer seine Region liebt, der hat sie nicht nur »zum Fressen gern«, sondern unterstützt sie auch durch bewusstes Konsumverhalten. Regionales Essen nach Omas Rezepten und neue Kreationen mit einem Hauch von experimenteller Küche sind dabei auch kein Widerspruch, sondern eine hinreißende Abwechslung auf dem Speiseplan – solange es nur schmeckt, wie damals, als wir noch atemlos von der Schule nach Hause gerannt sind und sofort gefragt haben: »Was gibt es zum Mittagessen?«