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Anreiz statt Stillstand: So schmeckt moderne Tradition

Einsam verklingt das Echo der Schritte im großen Saal. Noch vor wenigen Jahren erfüllte der rauschende Klang großer Feste die handgemauerte Halle, in der sich heute keiner mehr einfindet. Leer bleiben auch die alten Eichenholztische und nur die verblichenen Ränder auf der Platte erinnern an unzählige Teller, die hier einst aufgetragen wurden. Szenenwechsel: Ganz ohne Geschirr funktioniert der Schnellimbiss, zwei Kilometer außerhalb, direkt an der Autobahn gelegen. In wenigen Minuten wandern hier dutzende Fleischportionen zwischen weichen Brötchenhälften in gehetzte Mägen. Funktional, schnell, reproduzierbar – ist das die Zukunft der deutschen Gastronomie?

Tatsächlich wird es für traditionelle Restaurants zunehmend schwierig, sich auf dem Markt zu behaupten. Erst recht, wenn der Generationenwechsel ansteht: Laptop und Büro scheinen attraktiver als Kochlöffel und Küche. Gerade vor dem Hintergrund eines komplizierten Marktes sieht sich der Nachwuchs vor eine Mammutaufgabe gestellt, wenn es darum geht, den elterlichen Betrieb fortzuführen. Eine Aufgabe, an der einige scheitern. Es geht jedoch auch anders: Das beweisen Christiane und Ralph Stöckle vom Restaurant „Die Scheuer“ mit jedem Flusszander an Senfgurkenschaum und jedem pochierten Pfirsich, den sie in ihrer Gaststätte servieren.

Moderne Tradition in Hofheim am Taunus

Traditionell und modern – was sich viele Betriebe auf die Fahnen schreiben, wird in der Scheuer wirklich gelebt. Wer durch die Holztür in den gemütlichen Fachwerkbau tritt, fühlt sich fast unweigerlich zurückversetzt in die reiche Geschichte der Region zwischen Frankfurt und Wiesbaden. Die üppigen Holzverkleidungen passen ebenso gut in dieses Ambiente wie die zahlreichen kleinen Fenster, die je nach Tischplatz den Blick auf altes Fachwerk oder in die Gassen der Nachbarschaft freigeben. Ganz modern wirken hingegen die freundlich eingedeckten Tische mit liebevoller Dekoration. Dieser gelungene Akkord aus zeitgemäßem Design und gelebter Tradition setzt sich in der Speisekarte fort. Klassische und regionale Köstlichkeiten wie Bachsaibling und Simmentaler Rind finden sich hier in moderner Aufmachung als Fisch-Tatar beziehungsweise an Rauchzwiebeln und Kartoffelchips. In der urigen Atmosphäre wundert es nicht, dass außerdem Wildgerichte aus eigener Jagd auf der Karte stehen. Ganz typisch: nach Saison und Jagderfolg. Selbstverständlich werden passende Weine und auf Wunsch Menüfolgen serviert.

Erfolg in zweiter Generation

Während Imbiss und Fertigkost mit scheinbarer Geschichte werben, ist die Tradition in der Scheuer echt: Die Gastwirte Christiane und Ralph Stöckle betreiben ihr Restaurant bereits in zweiter Generation. Ihnen ist der Wechsel gelungen. Das zeigt nicht nur die Speisekarte mit zahlreichen Genussversprechen, sondern auch das stets gefüllte Haus. Gäste, die einen sicheren Platz wünschen, reservieren – da offenbart sich ein weiteres Mal die Moderne – online. Was ist nun das Geheimnis einer erfolgreichen Küche in Zeiten von Fastfood und Tiefkühlkost? Der Gastgeber erklärt es so: „Tradition bedeutet nicht Stillstand, sondern ist ein Anreiz. Altbewährte Grundrezepte bleiben erhalten und bilden die Basis für neue Kreationen“. Genau diese Idee ist es, die sich in den Gerichten der Scheuer wiederfindet: traditionelle Küche mit neuen Einflüssen. Ein Rezept, das sehr gut gelingt.

Mittagstisch neu belebt

Auch das gibt Sinn: In der Scheuer wird noch eine zweite Tradition gepflegt, die leider selten geworden ist: der Mittagstisch. Im täglichen Wechsel bieten die Stöckles ausgesuchte Gerichte in der Zeit von 12 bis 14 Uhr als Mittagessen an: ganz unkompliziert und leicht, aber nicht gehetzt. Darin liegt der immense Unterschied zum Fastfood: Die hochwertigen Zutaten in der Scheuer werden zu immer wieder neuen Genüssen zusammengefügt – Geschmacksvielfalt statt Einheitsaroma. Hier zeigt das Traditionshandwerk Kochen, was es wirklich kann: viel mehr als aufgewärmte Fertigprodukte zu servieren. Das freut regelmäßig auch junge Paare, Geburtstagskinder und Firmen, die im Haus feiern.

Die Scheuer – ein Musterbeispiel für die Gastronomie?

Zeigt das Restaurant Die Scheuer einen Musterweg aus der Krise für Nachwuchs-Köche, die gastronomische Betriebe übernehmen wollen? Ja und nein: In Hofheim am Taunus wird erfolgreich modern gekocht. Hinter diesem Erfolg steht die individuelle Auseinandersetzung mit hochwertigen, regionalen und saisonalen Zutaten. Die Lösungen sind, anders als im Fastfood, allerdings nicht bedingungslos reproduzierbar und jede Küche muss sie individuell erarbeiten. Der Genussvielfalt ist das sehr zuträglich. Verkostet werden die einzigartigen Kreationen am besten vor Ort: Die Scheuer öffnet von Mittwoch bis Sonntag zur Mittagszeit (12 bis 14 Uhr) und zum Abend (18 bis 21.30 Uhr).