Zu Hause ist es am schönsten, das weiß jeder. Aber warum eigentlich? Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir alle tief in unseren Herzen immer noch Höhlenbewohner sind und die Ruhe, Wärme und Geborgenheit in den eigenen vier Wänden schätzen. Doch der Charakter unserer »Höhlen« kommt erst durch die Möbel zustande – und diese sind ständig im Wandel. Denn Möbel sind nicht nur praktische Gebrauchsgegenstände, sie sind auch immer ein Spiegel ihrer Zeit. Und weil sie immer die schönsten Stunden im Leben noch schöner gemacht haben, gehen wir jetzt auf eine kleine Entdeckungsreise quer durch die Geschichte unserer liebsten »stummen Mitbewohner«. Kommen Sie mit?

Was nehmen wir immer mit, wenn wir umziehen? Nicht die Wände, nicht die Dachziegel, auch nicht Türen und Fenster, denn diese gehören zur Immobilie, also zum unbeweglichen Haus. Möbel dagegen sind im wahrsten Sinne des Wortes mobil, deshalb heißen sie auch so. In der Frühgeschichte der Menschheit waren wir noch Jäger und Sammler, man streifte also so durch die Wildnis, jagte und pflückte, was die Natur anbot und mit Sicherheit liebten die Menschen auch damals schon ihren Feierabend. Nach getaner Arbeit am Feuer zu sitzen, vom aufregenden Tag bei der Jagd zu erzählen, gemeinsam zu essen und zu genießen, wurde auch vor der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht schon hochgeschätzt.

Und natürlich war es bequemer, auf einer geflochtenen Matte zu sitzen, anstatt im piksenden Gras, und wer sich abends ein Bett aus Fellen aufschlagen konnte, hatte es warm und weich. Auch Haushaltsgegenstände wurden schon gebraucht, doch die Schalen, Klingen und Werkzeuge unserer frühen Jahre waren natürlich noch weit von der heutigen Einbauküche entfernt! Denn so schön eine moderne Küche auch ist – die Menschen damals mussten den wandernden Herden folgen, um zu überleben, als »Möbel« kamen also nur Dinge infrage, die sich leicht auf- und abbauen ließen und auf dem Rücken getragen werden konnten. Als der Mensch dann sesshaft wurde, entwickelten sich auch die Alltagsgegenstände, die für Komfort sorgten, zu den ersten echten Möbeln. Denn wer nicht ständig weiterziehen muss, der kann auch über die erste »Schrankwand« nachdenken!

Der Möbelbau in der Geschichte

In erster Linie dienen Möbel natürlich immer einem bestimmten Zweck. Sie sind zum Sitzen, Essen oder Schlafen da und dienen der Aufbewahrung von Dingen, die geschützt werden sollen, wie etwa Vorräte und kostbare Kleidungsstücke. Möbel haben aber noch einen anderen, sehr interessanten Aspekt, denn sie sagen immer viel über den Lebensstil ihrer Besitzer aus. Oft nehmen wir diesen Lebensstil gar nicht so bewusst wahr, aber jeder kennt das Gefühl, wenn wir unsere Oma besuchen und der Kaffee im Wohnzimmer sich anfühlt wie eine Zeitreise. Als wären wir wieder in den Siebzigern, Sechzigern oder noch weiter zurückgereist. Und diese Zeitreisen haben immer ihren ganz eigenen Charme, denn unsere Großeltern gehörten zur letzten Generation, die noch »Möbel fürs Leben« angeschafft hat. Als Oma noch ein junger Feger war und im Petticoat tanzen ging, konnte man erst heiraten, wenn man genug angespart hatte, um einen »Hausstand« zu gründen. Dieser Hausstand wurde gehegt und gepflegt, da die Generationen davor im Krieg oft noch alles verloren hatten. Auch bescheidener Wohlstand hatte für die Kinder des Wirtschaftswunders einen sehr hohen Stellenwert und das Konsumverhalten in Richtung »Wegwerfen und neu kaufen« entwickelte sich erst in den Sechziger und siebziger Jahren.

Möbel als treue »Lebensgefährten«

Wenn wir auf der Zeitlinie noch weiter zurückgehen, entdecken wir, dass in vielen Häusern die Möbel »für die Ewigkeit« eingebaut wurden. Wandschränke und Regale wurden schließlich nicht online bestellt und waren wahrlich nicht von der Stange – denn die Möbel wurden von den Handwerkern vor Ort entworfen und angefertigt und oft genau an die Begebenheiten des Hauses und die Bedürfnisse der Bewohner angepasst. Wer es sich leisten konnte, ließ natürlich auch kunstvoll gedrechselte und mit Schnitzereien und Intarsien versehene Möbel anfertigen, um sich an der Schönheit zu erfreuen. Die Einrichtung eines Hauses war also auch immer schon ein Status-Symbol, so mancher kunstvoll verzierte Wäscheschrank war eine Brautgabe und wurde als Familienstück geschätzt und geliebt. Und wer sich Handwerker wie Möbeltischler, Drechsler oder Schnitzer nicht leisten konnte, ließ die guten Stücke eben liebevoll mit Bauernmalerei verzieren. Denn das Flair kunstvoll gestalteter Möbel hat den Menschen immer das Gefühl vermittelt, wirklich zu Hause zu sein.

Aber wie genau kam es, dass sich die Möbel entwickelt haben, die wir heute immer noch kennen? Erfolgsmodelle kommen eben nie aus der Mode! Auch, wenn Formen, Farben und Stil sich ständig wandeln, im Grunde genommen haben wir heute noch dieselben Möbel wie vor tausend Jahren. Der Vorläufer heutiger Aufbewahrungssysteme war die Truhe. Sobald die Menschen sesshaft wurden, brauchten sie schließlich ein Möbelstück, in dem sie ihre Kostbarkeiten sicher vor Mäusen, Motten, Feuchtigkeit und Schmutz aufbewahren konnten. Und die Truhe war als »Universalmöbel« lange Zeit unschlagbar, denn man konnte in ihr nicht nur Schätze aufbewahren, sondern auch auf ihr sitzen – noch heute hat fast jede Kücheneckbank eine aufklappbare Sitzfläche, unter der man Dinge verstauen kann. Auch, wenn wir etwas »auf die hohe Kante« legen, geht das auf die gute alte Truhe zurück. Denn viele Truhen hatten auf der Innenseite die sogenannte »hohe Kante« eingebaut – hier wurden besondere Wertgegenstände wie Schmuck und Geld aufbewahrt.

Möbel für Bauern und Könige

Natürlich war es mit einer Truhe nicht getan. Möbel waren immer auch eng mit der Stellung der Menschen im Haushalt und der Gesellschaft verknüpft. Wer heute durch Museumsdörfer schlendert oder Führungen in prunkvollen Schlössern besucht, kann die Entdeckung machen, dass die hierarchischen Strukturen gar nicht so verschieden waren. Während der Sonnenkönig seine Staatsgeschäfte vom komfortablen Himmelbett mit Baldachin und Samtkissen aus erledigte, hatte in der bäuerlichen Gesellschaft der Bauer den besten Platz auf der bequemen Bank an der Feuerstelle und durfte am Kopfende des Tisches sitzen – analog zum König an der hohen Tafel. Aus heutiger Sicht erscheint es uns egoistisch, vielleicht sogar zynisch, dass der Bauer den wärmsten Platz, den bequemsten Stuhl und das beste Stück Fleisch bekam. Sollten nicht eher die Kinder als Zukunft der Familie oder der zahnlose Großvater, der sein ganzes Leben geschuftet hatte, besonders verwöhnt werden? Wenn man aber bedankt, dass die ganze Familie mit Not und Elend zu rechnen hatte, wenn der Versorger ausfiel, wird es verständlicher, wieso die Menschen auch immer schon über Wohnkomfort und Möbel ausgedrückt haben, wer der Herr im Haus war.

Die Erfolgsserie »Game of Thrones« fasziniert noch heute Menschen in aller Welt, weil der Kampf um den Thron immer eine große Bedeutung hatte. Und der Thron als Möbelstück drückt aus, welche Stellung ein Mensch einnimmt und wie die anderen Menschen ihn wahrnehmen. Nicht umsonst stand der Thron immer schon auf vielen Burgen und Schlössern am Ende einer großen Halle auf einem erhöhten Podest – so hatte jeder, der die Halle durchqueren musste, um vor den Herrscher zu treten, genug Zeit, um sich zu fürchten und die Macht des Throninhabers richtig zu spüren. Und im Kleinen können wir diese Sitte eben heute noch wunderbar beobachten, wenn Vater als »König der Familie« den besten Fernsehsessel bekommt oder wenn wir beim Vorstellungsgespräch ins Büro des Chefs geladen werden, der sich in seinem Chefsessel hinter dem Schreibtisch räkelt.

Möbel als Spiegel ihrer Epoche

Da Möbel auf so subtile Art so vieles sagen, waren sie immer auch ein Spiegel der Klassen und der Gesellschaft. Nur, wer es sich leisten konnte, hatte mit Blattgold, Samt und Seide verzierte Polstersessel oder Recamieren, Tischchen mit kostbaren Einlegearbeiten oder Himmelbetten mit einem prunkvollen Baldachin. Diese Schmuckstücke der Möbelkunst waren natürlich lange Zeit ein Vorrecht des Adels. Möbelkunst deshalb, weil die Grenzen zwischen Möbeldesign und Kunst oft fließend waren. Heute verraten antike Möbel, sofern sie die Zeiten überdauert haben, uns viel über die einzelnen Stilepochen in Europa.

Von Griechen und Römern

Die klassische Antike begann sich bereits 800 vor Christus mit den alten Griechen zu entwickeln und trat vom Mittelmeerraum einen Siegeszug an. Klare Linien, Möbel wie Tempel, entsprachen dem Zeitgeschmack, der sich längst nicht so schnell änderte wie heute. Die Römer besiedelten ganz Europa und beeinflussten natürlich auch den Wohnstil und das Möbeldesign. Und so lustig es klingt, jeder Asterix-Leser erkennt Möbel aus dieser Epoche am Design. Berühmt waren die Römer dafür, dass sie im Liegen speisten – allerdings war dieser Luxus nur der herrschenden Klasse vergönnt. Sklaven und »einfach Leute« saßen noch oft genug auf dem Boden oder auf einfach gezimmerten Hockern und Bänken.

Das Mittelalter: von Romanik und Gotik

Im Mittelalter waren die Römer wieder auf dem Rückzug und andere Kulturen mischten sich mit dem vorherrschenden Geschmack. Auch Völker wie die Germanen und Kelten verfügten schließlich über Kunst, Kultur und kreative Köpfe. Die Möbel für den alltäglichen Hausgebrauch waren natürlich einfach und zweckmäßig. Dafür entstanden Monarchien wie die Karolinger und an alten Stichen und Gemälden können wir heute noch erkennen, wie sich der Möbelgeschmack im Laufe der Jahrhunderte wandelte. Die Formensprache der Möbel ist dabei immer sehr eng mit der Formensprache der Architektur verknüpft. Romanik und Gotik kamen und gingen, lassen sich aber heute noch in Kirchen und Kathedralen bewundern. Nicht für sich selbst erschufen die Menschen damals kunstvolle Werke von Gemälden über Altäre bis hin zu Prachtbauten. Denn der Glaube war so sehr Teil des täglichen Lebens, dass Menschen Kunst für Gott erschufen, um sich einen Platz im Himmel zu sichern – ja, auch mit Möbeln! Denn ein kostbar verzierter Altar ist schließlich auch ein Möbelstück!

Aufbruch in die Neuzeit

Mit der Neuzeit kam neues Gedankengut ins Leben und ins Möbeldesign. Aufklärung und Wissenschaft brachen sich Bahn, das Weltbild der Menschen änderte sich. Um 1400 kamen mit der Renaissance die Ideale und der Geschmack der Antike wieder zu neuen Ehren und entwickelten sich im späten siebzehnten und frühen achtzehnten Jahrhundert vom prunkvollen Barock zum verspielteren Rokoko. Ab 1750 entstand der Klassizismus, der ebenfalls wieder an klassische antike Formen angelehnt war, die Antike lässt Europa anscheinend nicht los. Die Aufklärung brachte aber nicht nur beim Stil der Möbel radikale Umbrüche mit sich, sondern vor allem in den Köpfen der Menschen. Mit dem Ausbruch der Französischen Revolution begann auch eine schrittweise Veränderung der Gesellschaftsordnung in ganz Europa, das Bürgertum wurde als eigenständige Klasse zwischen Bauern und Königen zu einer wahren Macht – was auch großen Einfluss auf die Entwicklung der Möbel hatte. Denn damit war der Bedarf nach »Mittelklasse-Möbeln« geboren.

Vom Biedermeier zum Bauhaus

Mit dem Aufkeimen des Bürgertums erlebten Bildung, Reichtum und Wohnkomfort ein neues Niveau. Kunst und Kultur waren nicht mehr allein dem Adel vorbehalten, aber die politischen Unruhen in ganz Europa führten für das Bürgertum zum biedermeierlichen Rückzug ins Private. Wer sich gern zu Hause aufhält, legt natürlich auch großen Wert auf behagliche Wohnkultur. Die »gute Stube« mit einem prunkvollen Sofa und vor allem prächtig verzierte Bilderrahmen mit kunstvollen Stichen und Drucken waren der Traum vieler Bürgerfamilien. Durch die aufkommende Industrialisierung ging das Handwerk allerdings immer mehr unter, schnell und günstig in Fabriken gefertigte Möbel eroberten die Wohnungen. Als Gegenbewegung zu industriell gefertigten, »seelenlosen« Möbelstücken entstand um 1900 der Jugendstil, der mit floralen Ornamenten und verspielten Formen Schönheit und Natur wieder in das alltägliche Leben integrieren wollte. Diese Bewegung wurde allerdings von vielen Künstlern und Designern als zu schwülstig empfunden, sodass sich eine weitere Gegenbewegung im Möbeldesign entwickelte. Bauhaus und Wiener Werkstätten setzten auf klare Linien, Ästhetik und Funktionalität. Der Stil dieser Zeit gilt heute als zeitloser Klassiker der Moderne und wird oft kopiert, aber selten erreicht! Heute sind wir in der Postmoderne angekommen und beim Wohnstil ist wirklich alles möglich. Retrofans feiern die wilden Siebziger, Puristen leben in sogenannten »Tiny Houses« mit multifunktionalen Kleinmöbeln, andere richten ihr Loft ein wie Ludwig XVI. Versailles eingerichtet hatte – schön ist, was gefällt und vor allem die Individualität seiner Bewohner ausdrückt!